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Ernst-Reuter-Schule Dietzenbach

Kooperative Gesamtschule des Kreises Offenbach / Ganztagsschule mit Betreuungsangebot

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Lehreraustausch über den Atlantik: Erfahrungen einer ERS-Lehrerin im kanadischen Schulsystem

Ein Bericht von Sandra Rhein – Oktober 2025

„Schreib‘ bitte einen Artikel, wenn du wieder da bist!“, bat mich Herr Dr. Köhler, Direktor der Ernst-Reuter-Schule, an der ich seit 2019 unterrichte, kurz bevor ich auf dem Weg nach Kanada zu meinem Lehreraustausch war.
Und nun sitze ich hier, im Flugzeug auf dem Weg zurück nach Deutschland und weiß nicht genau, wo ich anfangen und worüber ich schreiben soll. So viele Begegnungen, Überraschungen, Eindrücke, Gefühle liegen nun hinter mir, die ich die letzten zehn Tage in Albert/Kanada machen durfte. Ich lebte unter anderem in der 1,2 Millionen Metropole Edmonton bei meiner Austauschpartner Kari Krug. Edmonton liegt ca. 9 Stunden östliche von Vancouver, also, wie man in Kanada sagt „just around the corner“. 

„Ich kenne schon den Schluss meines Artikels“, erklärte ich gestern Kari, die mich im heißen Juli in Deutschland besuchte und die mich nun im kalten Oktober 2025 in Alberta/Kanada aufnahm. „My conclusion of the article will be: Kids are kids, around the world and we teachers are there for them to help and educate them, because they are our future!“ („Kinder sind Kinder, überall auf der Welt und wir als Lehrer sind für sie da, um ihnen zu helfen und sie zu unterrichten, denn sie sind unsere Zukunft!“) Das mag für einige nach einer sehr banalen Floskel klingen, aber es ist die Wahrheit, eine Wahrheit mit der ich mal wieder konfrontiert wurde. Auch in Kanada begegnete ich nämlich mutigen und motivierten Kinder, aber ich traf auch, zurückhaltende und schüchterne Schülerinnen und Schüler. 

 

Der Lehrerstreik in Alberta/Kanada

Auf dem Weg zum Landtag („Legislative Building“) in Alberta in der Großstadt Edmonton, hatten Kari und ich die Unterhaltung darüber, was ich meinen Kolleginnen und Kollegen über das kanadische Schulsystem erzählen werde. Wir hatten diese Unterhaltung an einem herbstlichen Nachmittag, an dem ich nicht mehr arbeiten musste, weil ich schon in den Herbstferien war, und sie nicht arbeiten konnte bzw. durfte, weil über 51.000 Lehrerinnen und Lehrer in Alberta im Streik sind: ohne Arbeitserlaubnis, ohne Bezahlung, mit dem Verbot die Schule zu betreten und Schulmails zu beantworten. Das Gebäude, das nun vor uns lag, war also ein kontroverses Gebäude für Kari. Einerseits standen wir vor einer mächtigen, politischen Institution, in dem wichtige und positive Entscheidungen über die Zukunft Albertas fallen, andererseits vor einer Institution, in der Politiker auch über die Zukunft von Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer entscheiden würden, die auf öffentliche Schulen gehen. Denn gestreikt wird unter anderem, weil die Regierung seit zehn Jahren keine Gehaltserhöhung für Lehrerinnen und Lehrern veranlasst hat, aber auch weil in Grundschulklassen bis zu 35 Kinder und in Mittelschul- und Oberstufenklassen bis zu 45 Kinder in einem Raum sitzen und zusammen lernen müssen!

Ehrlich gesagt, ja wir Lehrer in Hessen verdienen vielleicht nicht das Geld, was wir für die Arbeit, die wir leisten verdient hätten, aber gut davon leben kann man eigentlich schon; also den Kritikpunkt konnte ich nicht so gut nachvollziehen. Aber die Umstände, unter denen einige Schülerinnen und Schüler lernen müssen, ist vielerorts in Hessen genauso unwürdig, wie in Alberta: viel zu viele Kinder in einem Klassenraum, Verpflichtung zur Inklusion, obwohl es oft keine Unterstützung gibt und zu wenig finanzielle Mittel oder zu wenig politischer Willen, um noch mehr Gebäude zu bauen, zu renovieren und noch mehr qualifiziertes Personal einzustellen. 

„Mein Klassenraum ist keine Sardinenbüchse!“ oder „40 ist ein Tempolimit, keine Klassengröße!“ standen unter anderem auf Schildern von Lehrkräften auf einer Demonstration, die ich in Calgary/Alberta miterleben durfte.

 

Meine Tage an Grundschulen und Mittelschulen 


Dennoch, neben all diesen Herausforderungen, habe ich viele passionierte und überaus motivierte Lehrerinnen und Lehrer in 12 verschiedenen Klassen (Klassenstufe 2 - 8 und zwei Inklusionsklassen) beobachten können, die Kinder aus unterschiedlichen Herkunftsländern (hauptsächlich Indien) und mit verschiedenen Religionen unterrichten. 

Besonders beeindruckend fand ich, dass die Grundschule von der 1. bis zur 6. Klasse geht, dass es pro Klasse nur eine Lehrkraft gibt, die alle Fächer unterrichtet und dass sie dies jeden Tag von ca. 8.30 bis 15.30 Uhr leisten! Sie unterrichten hauptsächlich in Englisch, aber auch Französisch wird als Zweitsprache schon in der Grundschule gelehrt. Alle öffentlichen Schulen sind Ganztagsschulen und die Kinder bringen in den Grundschulen meistens ihr Mittagessen mit oder können sich in der Mittelschule oder Oberstufe (Highschool) Essen an einem Kiosk oder in einer Cafeteria kaufen. Die Lehrerinnen und Lehrer haben zwischendurch immer mal wieder 30 Minuten Zeit etwas vor- oder nachzubereiten oder müssen dies am Nachmittag oder Wochenende machen, wenn unterrichtsfreie Zeit ist.

 

An der Kate Chegwin Seniorhighschool war ich einen Nachmittag bei Miss Ullrich und durfte als Geschichts- und PoWi-Lehrerin in den Sozialkundeunterricht schnuppern. Sie unterrichtet, so wie alle Fachlehrerinnen und Fachlehrer der Mittel- oder Highschool, in ihrem eigenen Klassenraum. Dort hat sie ihre eigene kleine Büroecke und die Möglichkeit an den Wänden für ihr Fach Materialien aufzuhängen. Ich sah zum Beispiel eine Weltkarte, die als Zentrum der Welt Nordamerika zeigt oder in einer anderen Ecke die Verfassung Kanadas. Auch die Grundschulklassen waren alle sehr kreativ gestaltet und hatten in jeder Ecke des Raumes Poster zu einem bestimmten Thema oder Werke von den Kindern hängen.

 

Interessant zu beobachten war auch, dass fast alle Lehrkräfte mit Google-Classroom arbeiten und jegliche Inhalte online hochladen müssen. Die Schülerinnen und Schüler bekommen somit Zugang über ein Chromebook. Vergleichbar mit dem Schulportal in Hessen, wobei nicht jede Schülerin und nicht jeder Schüler sein eigenes Tablet oder einen eigenen Laptop besitzt. 

Nicht nur an der Daly Grove Elementary School, sondern auch an der Weinlos Elementary School hatte ich schöne Begegnungen mit Kindern aus vier 6. Klassen, die in Containern unterrichtet werden (wieder etwas, das mich an das deutsche Schulsystem erinnert) und die mir interessante Fragen zu Deutschland stellten. Zum Beispiel: Was ist das Nationalgericht Deutschlands? Durfte man im geteilten Berlin damals noch nicht mal zu einer Beerdigung von Verwandten auf die andere Seite reisen? Wie schmeckt das deutsche Brot? Hat Deutschland beide Weltkriege angefangen? Wie viele Menschen leben in Deutschland? Ich versuchte hier Licht ins Dunkele zu bringen und über die schreckliche deutsche Vergangenheit aufzuklären und die schöne deutsche Kultur etwas näher zu vermitteln.

Interessant zu beobachten war auch, dass fast alle Lehrkräfte mit Google-Classroom arbeiten und jegliche Inhalte online hochladen müssen. Die Schülerinnen und Schüler bekommen somit Zugang über ein Chromebook. Vergleichbar mit dem Schulportal in Hessen, wobei nicht jede Schülerin und nicht jeder Schüler sein eigenes Tablet oder einen eigenen Laptop besitzt. 

Nicht nur an der Daly Grove Elementary School, sondern auch an der Weinlos Elementary School hatte ich schöne Begegnungen mit Kindern aus vier 6. Klassen, die in Containern unterrichtet werden (wieder etwas, das mich an das deutsche Schulsystem erinnert) und die mir interessante Fragen zu Deutschland stellten. Zum Beispiel: Was ist das Nationalgericht Deutschlands? Durfte man im geteilten Berlin damals noch nicht mal zu einer Beerdigung von Verwandten auf die andere Seite reisen? Wie schmeckt das deutsche Brot? Hat Deutschland beide Weltkriege angefangen? Wie viele Menschen leben in Deutschland? Ich versuchte hier Licht ins Dunkele zu bringen und über die schreckliche deutsche Vergangenheit aufzuklären und die schöne deutsche Kultur etwas näher zu vermitteln.

 

 

Mein Tag in zwei Inklusionsklassen

 
In den zwei Inklusionsklassen, in denen ich in der Daly Grove Elementary School war, beobachtete ich jeweils eine Lehrkraft mit zwei Helferinnen oder Helfern, die insgesamt acht Kinder mit Behinderung betreuten und unterrichteten. Die ständige Freundlichkeit und Motivation, die die Lehrkräfte in jeglicher noch so schweren Situation beibehielten beeindruckte mich und ich wurde besonders emotional, als mich unerwartet ein achtjähriger Junge, der nicht sprechen kann, umarmte und mir mit einer Geste zeigte, dass ich mit ihm Autos spielen und zählen sollte. Ich dachte an die Zeit, des Streiks, in der das Kind mit den Eltern alleine gelassen wird und auf unbestimmte Zeit nicht die Möglichkeit hat in einer gewohnten Umgebung, mit Freunden und mit einer überaus zugewandten und professionellen Lehrerin lernen zu können. Es erinnerte mich an den Corona-Lockdown…

 

Natur und Wetter in Kanada


Natürlich hatte ich nicht nur die Gelegenheit das Schulsystem in Kanada und die Heimatstadt Edmonton meiner Austauschpartnerin kennenzulernen, sondern durfte auch die wundervollen Städte Banff, Jasper und Calgary bereisen und in den Rockey Mountains wandern gehen. Ich lernte, dass man am besten Bärspray und Bärenglocken auf den Wanderungen mit sich führt, um sich vor Bären zu schützen und machte Bekanntschaft mit Rehen, Hirschen, Elchen und schwarzen Eichhörnchen.
Das Wetter war sehr wechselhaft, aber oft trocken, an einem Tag 0 Grad und am nächsten Tag 23 Grad. Zwiebellook war immer angesagt! Im Winter kann es bis zu -30 Grad Celsius oder noch kälter werden; zum Glück musste ich, als Frostbeule, das nicht miterleben. 

An einem Tag durften die Schulkinder in Edmonton leider nicht draußen spielen, weil die Luftqualität wegen eines Waldbrandes, der noch nicht einmal in der unmittelbaren Nähe war, aber auf Grund des Windes bis nach Edmonton getragen wurde, sehr schlecht war. Überall roch man den Rauch. Das passierte wohl die letzten Jahre öfters, erklärte mir Kari.

 

Die Indigene Bevölkerung Kanadas – Die „Ureinwohner“ 


Besonders beeindruckend fand ich auch den Umgang mit der indigenen Bevölkerung oder auch „First Settlements“ genannt. „Indianer“ sollte man sie auch hier bloß nicht nennen, denn Inder, wie es auf Deutsch übersetzt heißen würde, sind sie alle mal nicht, das wäre auch in Kanada nicht politisch korrekt. Man nennt sie Chipewyan oder Blackfoots oder eben “indigenous people“. Hätte ich 2004 den Lehreraustausch gemacht, hätte ich nichts von „Truth and Reconciliation“, also „Wahrheit und Vergebung“ mitbekommen. Denn eine Vereinbarung zwischen der kanadischen Regierung und Vertretern der indigenen Bevölkerung (über 48 verschiedene Stämme existierten alleine in Alberta!) wurde 2015 getroffen und erst dann gab es ein Bewusstsein dafür, dass die Europäer, die sich im 18. Jahrhundert in Kanada niederließen, dies oft gewaltsam und ohne Rücksicht auf die Kultur der Ureinwohner taten. Bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts versuchte man in den sogenannten „Residential Schools“, eine Art Internat, Kinder von Ureinwohnern zwanghaft umzuerziehen. Sie wurden oft gewaltsam ihren Eltern weggenommen, ihnen wurden europäische Namen gegeben, die Haare abgeschnitten und ihnen wurde versucht Englisch oder Französisch beizubringen. Sie sollten ihre ursprüngliche Kultur vergessen. Dabei wurden viele Kinder leider misshandelt oder sogar gequält und getötet. Erst 2021 wurde ein Massengrab mit 215 Kinderleichen entdeckt, das diese schrecklichen kanadische Vergangenheit wieder einmal ans Tageslicht brachte. Deshalb wird nicht nur am 30. September an diese Zeit erinnert, an dem viele orangene Kleidung tragen, als Erinnerung an ein kleines Mädchen, dass ein orangenes T-Shirt trug und das sie abgeben musste, bevor sie in ein Heim zur „Umerziehung“ kam. Es wird auch jedes Jahr in den Schulen in jeder Jahrgangsstufe über die Traditionen der indigenen Bevölkerung unterrichtet und sich bei offiziellen Reden dafür bedankt, dass man in Nunavut, in Yukon oder in den Nordwest-Territorien ist, in einem Land also, lange bevor es Kanada (Dorf/Siedlung) genannt wurde.

 

 

Kids are kids! 


Nach all den aufregenden Begegnungen und all dem, was ich Neues auf meiner Reise gelernt habe, bleibt am Ende eine wichtige Erkenntnis: “Kids are kids!“, denn ich habe auch in Kanada erleben dürfen, wie lebensfreudig oder zurückhaltend, extro- und introvertiert, mutig und schüchtern, laut und leise Kinder auf der anderen Hemisphäre dieser Welt sein können. Wir Lehrerinnen und Lehrer, die das Glück und vielleicht auch das Schicksal haben, diese jungen Menschen in einem demokratischen Land unterrichten zu dürfen, haben die Aufgabe für sie da zu sein und sich für sie einzusetzen, ihnen zu helfen und sie zu formen, wann und wie auch immer dies uns möglich gemacht wird, damit diese jungen Menschen, zu Erwachsenen werden, die sich weiterhin für demokratische Werte, Toleranz und Freiheit einsetzen können. Auch aus diesem Grund, streiken viele der Lehrkräfte gerade in Kanada!

Danke! Thank you! Merci! 


Und so bringe ich nun nicht nur 22 neu gekaufte englischsprachige Bücher mit, die ich nun in meinen englischen Klassen lesen lassen werde (ich habe beobachtet, wie toll es für die Kinder in den kanadischen Schulen ist, dass sie jeden Tag 10-20 Minuten ruhige Lesezeit haben!), sondern auch eine Menge neuer Eindrücke, die ich meinen Schülerinnen und Schülern über die kanadische Kultur beibringen möchte!

Danke an all die Menschen, die es mir ermöglicht haben, diese Reise anzutreten und durchzuführen. Kanada wird für immer in meinem Herzen bleiben!


Dankeschön, merci und thank you!

Sandra Rhein

 

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